Schlagwort-Archive: Dr. Kharrazian

Die Provokationsphase

Wenn Sie sich besser fühlen, können Sie anfangen, die von Ihrer Liste gestrichenen Nahrungsmittel nach und nach wieder einzuführen. Sie sollten dabei sehr langsam vorgehen und genau auf Ihren Körper hören.

Wie wissen Sie, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist? Dr. Kharrazian empfiehlt den Lactulose-Mannitol-Test, mit ihm bestimmt man die Darmdurchlässigkeit. Ziel ist es ja während der Eliminationsphase gewesen, alles auszuschalten, was dem Darm schädigen könnte:

„Zeigt der Lactulose-Mannitol-Test, dass keine Barrierestöring Ihrer Darmwand mehr vorliegt, können Sie versuchen, einige der weggelassenen Nahrungsmittel wieder in Ihren Speiseplan aufzunehmen. Führen Sie immer nur ein Nahrungsmittel nach dem anderen ein, das heißt, essen Sie es einmal und warten Sie drei Tage ab. Reagieren Sie nicht darauf, können Sie dieses Nahrungsmittel weiterhin zu sich nehmen. Kommt es zu Reaktionen […], müssen Sie das Nahrungsmittel über einen längeren Zeitraum von Ihrem Speiseplan streichen. […] Die einzige Ausnahme ist Gluten, das Sie dauerhaft meiden müssen, wenn Sie eine Hashimoto Thyreoiditis haben, insbesondere, wenn sich eine genetische Disposition für HLA-DQ zeigt und eine Glutenintoleranz oder Zöliakie vorliegt.“
Datis Kharrazian (1), S. 139.

Aber auch ohne diesen Test können Sie weit kommen, indem Sie genau darauf achten, wie Ihr Körper auf die bestimmten Nahrungsmittel reagiert. Jegliches Wiederauftauchen von Symptomen, die Sie bereits im Zuge Ihrer Erkrankung feststellen konnten, sollten Sie sofort hellhörig machen und zur Vorsicht mahnen. Es kann sowohl zu hypo- als auch hyperthyreoiden Schüben kommen.

Symptome einer Unterfunktion (Hypothyreose)

  • Müdigkeits- oder Trägheitsgefühl
  • Kältegefühl
  • übermäßiges Schlafbedürfnis mit entsprechender Beeinträchtigung tagsüber
  • Gewichtszunahme trotz kalorienarmer Ernährung
  • rasche Gewichtszunahme
  • Hartleibigkeit, seltener Stuhlgang
  • Depression und Antriebsschwäche
  • morgendliche Kopfschmerzen, die im Laufe des Tages abklingen
  • ausgedünnte Augenbrauen im äußeren Drittel
  • Haarausfall (Kopf, Gesicht, Genitalbereich)
  • trockene Haut oder Kopfhaut
  • geistige Trägheit

Symptome einer Überfunktion (Hyperthyreose)

  • Herzrasen
  • innerliches Zittern
  • beschleunigter Puls/Ruhepuls
  • Nervosität
  • Schlafstörungen
  • Nachtschweiß
  • erschwerte Gewichtszunahme

s. Datis Kharrazian (1), S. 40

Darüber hinaus können weitere, individuelle Symptome auftreten, z.B.:

  • im Magendarmtrakt: schlechte Verdauung, Blähungen, Sodbrennen, Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen etc.
  • Entzündungen aller Art
  • Heißhunger auf zu meidende Nahrungsmittel wie Zucker, Fastfood, etc.
  • Gelenkschmerzen und andere Schmerzen
  • Hautausschläge, Akne
  • Herpes
  • Angstzustände, Aufbrausen, Niedergeschlagenheit

Ich habe z.B. bei manchen Nahrungsmitteln ähnliche Schübe wie bei Glutenverzehr: entzündete Schleimhäute in der Nase und am inneren Rand des linken Nasenlochs (jawoll!) sowie am Ausgang des Tränenkanals des linken Auges (erst seit AIP). Andere verursachen ein heftiges Brennen im After, wieder andere unerträgliche Erschöpfung, Herzrasen, Schwindel und vorübergehende depressive Anflüge.

Lassen Sie sich also Zeit, lieber mehr, als Sie sich selbst eingestehen wollen. Als Richtwert sollten Sie mindestens 4-8 Wochen einplanen, in denen Sie sich strengstens an die AIP-Vorgaben halten. In jedem Fall sollten Sie sich merklich besser fühlen, bevor Sie gemiedene Nahrungsmittel wieder einführen. Sollten Sie auf längerer Strecke keine Besserung Ihrer Symptome feststellen, müssen Sie womöglich tiefer graben, d.h. zusätzliche Nahrungsmittel weglassen, z.B. wegen Fructose-Malabsorption oder Dünndarmfehlbesiedlung.

Es wird allseits empfohlen, bei der Wiedereinführung sehr langsam vorzugehen. Wie oben zitiert, rät Dr. Kharrazian zu einer einzigen Portion eines einzigen Nahrungsmittels, woraufhin drei Tage abgewartet wird. Sarah Ballantyne dagegen plädiert für mindestens zwei kleine Portionen desselben Nahrungsmittels, und das zwei Tage lang, gefolgt von mindestens drei Tagen, an denen beobachtet wird, wie sich der Körper verhält. Gibt es einen Rückschlag, Schub oder Ähnliches, gehen Sie zurück auf Ihre persönliche „Nullphase“, auf der Sie sich uneingeschränkt wohlfühlen und die Sie vollauf meistern. Diese beinhaltet die bisher erfolgreich wieder eingeführten Lebensmittel und dauert an, bis die Symptome mehrere Tage lang verschwunden sind.

Sarah Ballantyne hat eine sehr hilfreiche Reihenfolge für die Provokationsphase aufgestellt, nach der Sie sich orientieren können. Danach werden Nahrungsmittel, die erfahrungsgemäß am wenigsten Probleme bereiten, auch zuerst wieder eingeführt. Auf keinen Fall sollten Sie sich von Heißhungergefühlen leiten lassen bzw. ausgerechnet von den Nahrungsmitteln, die Sie am meisten vermissen.

Hier die Übersetzung der Liste nach Sarah Ballantyne:

Meist unproblematisch sind

  • Eigelb (von freilaufenden Hühnern)
  • Ghee
  • Gewürze aus Samen, z.B. Koriander, Pfeffer, Kümmel (aber keine Nachtschattengewächse)
  • alle bei Fructose-Malabsorption gemiedenen Nahrungsmittel
  • histaminhaltige Nahrungsmittel

Danach kommen

  • Samen
  • Nüsse
  • Kaffee (nur gelegentlich)
  • Butter (von Weidetieren)
  • Alkohol (wenig)

Eher problematisch können sein

  • Auberginen und Paprikaschoten
  • regelmäßiger Kaffeegenuss
  • Schokolade und Kakao
  • Hefe
  • rohe Sahne (von Weidetieren)
  • Joghurt (u.U. besser verträglich aus Ziegenmilch)

Oft nicht vertragen werden

  • Eiweiß (aus Hühnerei)
  • Chilis
  • Kartoffeln (in jedem Fall schälen)
  • Alkohol (in größeren Mengen)

Höchstwahrscheinlich nicht vertragen werden

  • Tomaten
  • nichtsteroidale Antirheumatika

Permanent meiden sollten Sie

  • Gluten
  • Hülsenfrüchte

Denken Sie immer auch daran, dass Sie kleinere Mengen eines bestimmten Nahrungsmittels womöglich besser vertragen als größere.


______________________________
Links zum Thema:
Datis Kharrazian (1), S. 134-140.
Sarah Ballantynes Beitrag auf ihrem Blog The Paleo Mom

T3, T4, Reverse-T3, TSH, TPO… Individuelle Schilddrüsenmarker

So viele T’s! Sicher (und hoffentlich!) haben Sie sie alle schon einmal unter Ihren Blutwerten gesehen und waren froh, wenn sie im Normalbereich lagen… Es handelt sich um die sog. „Schilddrüsenmarker“, anhand derer Sie Ihr Schilddrüsenmuster bestimmen können. Den Zusammenhang zwischen all diesen T’s zu verstehen, wird Sie also ein gutes Stück weiter in Richtung Ihrer individuellen Situation sowie u.U. des für Sie geeigneten Medikaments bringen. Ein fähiger Arzt bestimmt mit ihrer Hilfe die optimale Einstellung Ihrer Medikamente, die in vielen Fällen idealerweise aus einer Kombination aus T3 und T4 bestehen sollten (bei Hashimoto).

Wichtig ist, dass Sie Ihre Werte mit den Funktionsbereichen abgleichen, nicht den Referenzwertbereichen, die mit Ihren Laborwerten angegeben werden. Letztere sind für Hashimoto-Patienten zu ungenau. Laut Dr. Kharrazian sind Referenzwerte pathologische Werte, die „in der Regel einfach nur die Durchschnittswerte aller Menschen sind, die bereits eine solche Blutuntersuchung haben machen lassen. […] Wir können davon ausgehen, dass zahlreiche dieser Menschen an nicht diagnostizierten Schilddrüsenkrankheiten leiden und ihre Blutwerte ebenfalls ‚mit in den großen Topf geworfen‘ werden, aus dem heraus die ‚Normwerte‘ definiert werden.“ Die Funktionswerte dagegen „veranschlagen das Risiko einer Krankheit, bevor sie sich entwickelt.“

Die folgende Aufstellung soll Ihnen helfen, Ihre Schilddrüsenwerte eigenständig zu interpretieren. Fragen Sie auch Ihren Arzt nach seiner Einschätzung!

TSH
Das schilddrüsenstimulierende Hormon (TSH, Thyreotropin) ist der wichtigste Faktor bei der Funktionsbestimmung der Schilddrüse. Es wird von der Hypophyse freigesetzt und steigt an, wenn T4 sinkt und umgekehrt. Die Untersuchung dieses Wertes ist keineswegs ausreichend für die Bestimmung einer Schilddrüsenstörung. Oft wird allerdings nur TSH gemessen. Ist TSH erhöht, weist dies auf eine Unterfunktion hin, und umgekehrt.
Funktionsbereich: 1,8-3,0 mlU/l

Gesamt-Thyroxin (gT4)
Dieses beinhaltet die Werte von gebundenem und freiem T4. Der Gesamt-T4-Wert kann durch viele Medikamente verfälscht werden. Die Bestimmung macht nur im Zusammenhang mit anderen Werten – z.B. die T3-Aufnahme – Sinn. Bestimmt man T4 zusammen mit der T3-Aufnahme, kann man die Aktivität von freiem T4 berechnen.
Funktionsbereich: 6-12 µg/dl

Freier Thyroxin-Index (fTI)
Wird durch das Multiplizieren der gT4-Werte mit der T3-Aufnahme ermittelt.
Funktionsbereich: 1,2-4,9 mg/dl

Freies Thyroxin (fT4)
Der Test auf freies Thyroxin (fT4) dient zur Bestimmung der Menge an freiem – stoffwechselaktivem – T4 im Blut. Freies T4 ist bei einer Überfunktion erhöht und bei einer Unterfunktion verringert. Ist der TSH-Wert bei normalem T4 erhöht, weist dies auf eine Unterfunktion hin.
Funktionsbereich: 1,0-1,5 ng/dl

T3-Resin-Aufnahme
Bestimmt die Anzahl der Bindungsstellen, an die sich aktives – ungebundenes – T3 an Proteine binden kann. Je mehr Bindungsstellen, desto niedriger die Aufnahme und desto höher der T4-Wert.
Funktionsbereich: 28-38 mg/dl

Freies Trijodthyronin (fT3)
Bestimmung des freien Hormons T3 dirch aktive Schilddrüsenhormone. Wird im Falle von Überfunktionssymptomen bei normalen FT4-Werten durchgeführt.
Funktionsbereich: 3,0-4,5 pg/ml

Reverses T3 (rT3)
rT3 wird in Fällen von extremem Stress gebildet. Ist T3 erhöht, liegt das oft daran, dass rT3 nicht ausgeschieden werden kann oder ein erhöhter Cortisolspiegel vorliegt.
Funktionsbereich: 90-350 pg/ml

TPO-Antikörper (= MAK)
Antikörper gegen Thyreoidea-Peroxidase, das Enzym, welches für die Bildung der Schilddrüsenhormone verantwortlich ist.
Funktionsbereich: < 35 Iu/ml

Tg-Antikörper
Richten sich gegen Thyreoglobulin.
Normalwert: < 100 U/ml

TRAK (TSH-Rezeptor-Antikörper)
Blockieren die TSH-Rezeptoren, weisen auf Morbus Basedow hin.
Normalwert: < 9 U/ml (TRAKhuman < 1 Ul/ml)


______________________________
Links zum Thema:
Datis Kharrazian: Schilddrüsenunterfunktion und Hashimoto anders behandeln; Kirchzarten 2013; Kap. 4
„Erklärung der Schilddrüsenlaborwerte“ auf schilddruesenguide.de

Vorsicht: Jod!

Für die Schilddrüse ist Jod unverzichtbar, um das Schilddrüsenhormon zu produzieren. Es stellt einen wichtigen Cofaktor und Stimulator des Enzyms TPO dar.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie als Hashimoto-Patient extra viel Jod zu sich nehmen sollten. Im Gegenteil: Dr. Kharrazian vergleicht die  Einnahme von Jod als „Versuch, ein Feuer mit Benzin zu löschen“. Denn wenn die Bildung von TPO stimuliert wird, steigen auch die Antikörperwerte. Überfunktionssymptome können dann die unangenehme Folge sein.

Meiden Sie also zusätzliches Jod, wo Sie nur können, und ersetzen Sie v.a. jodiertes Speisesalz durch unbehandeltes Stein- oder Himalajasalz. Achten Sie auch bei Nahrungsergänzungsmitteln darauf, dass kein Jod enthalten ist.

Nahrungsmittel, die auf natürliche Weise Jod enthalten (wie Seefisch oder Seetang), sollten dagegen in ganz normalen Dosen integriert werden. Sie stellen keine Gefahr per se dar.

Jodmangel ist übrigens weltweit die häufigste Ursache für die Schilddrüsenunterfunktion. Die Verabreichung von Jod bei Jodmangel lässt die Zahl der Autoimmunerkrankungen jedoch nachweislich steigen. Besonders Jodsupplemente provozieren einen Autoimmunangriff auf die Schilddrüse und hemmen die TPO-Aktivität, wodurch die Antikörperwerte steigen.

Wichtig: Achten Sie im Zusammenhang mit Ihren Jodwerten immer auch auf einen stabilen Selenhaushalt. Bei ausreichender Versorgung mit Selen sollten Sie weniger Probleme mit Jod haben.

Der beste Weg, um herauszufinden, wie es um Ihren Jodhaushalt steht, ist ein Urintest, bei dem man zunächst eine hohe Dosis an Jod verabreicht bekommt und dann 24 später Urin abfängt. Bei Jodmangel hält der Körper mehr Jod zurück, als aufgenommen wurde, so dass der Gehalt im Urin ungewöhnlich niedrig ausfällt.
_______________________________
Links zum Thema:
Eintrag zu Jod auf A Clean Plate
Datis Kharrazian: Schilddrüsenunterfunktion und Hashimoto anders behandeln; Kirchzarten 2013; S. 42 f.
Datis Kharrazians Bericht zu Jod und Hashimoto auf seinem Blog
Chris Kressers Bericht zu Jod und Hashimoto auf seinem Blog